Dunkelheit.
Unendliche Dunkelheit.
Wie die schwärzeste Nacht.
Ohne einen Lichtschimmer.
Ohne einen einzigen Stern.
Überall.
Über mir.
Unter mir.
Vor mir.
Hinter mir.
Ich kann ihr nicht entkommen.
Und dennoch halten sie mich alle für das Licht, für die Rettung. Die Rettung vor der Finsternis.
Doch wie soll ich allein alle retten, wenn ich selbst von ihr erdrückt werde?
Ich halte es nicht mehr länger aus. Warum sehen alle nur das in mir, was sie sehen wollen?
Warum glauben alle mich zu kennen?
Alle bewundern sie mich, für etwas was ich nicht getan habe.
Alle halten sie mich für glücklich und zufrieden, ohne zu fragen, wie es mir wirklich geht.
Alle erwarten sie etwas von mir, wofür sie selbst zu feige sind.
Nicht einen Tag halte ich es noch hier mit ihnen aus, nicht einen einzigen gottverdammten Tag, an dem sie denken, mich zu verstehen, mich zu kennen, mich zu lieben.
Oh ja, alle lieben mich. Mich, den berühmten Harry Potter. Den Jungen der lebt. Den Jungen, der nun schon drei Mal gegen den Schwarzen Lord gekämpft und es jedes Mal überlebt hat.
Ron liebt mich, weil ich ein Held bin und er als bester Freund des weltbekannten Harry Potter endlich einmal etwas Besonderes ist, er endlich einmal aus dem Schatten seiner Geschwister heraustritt.
Hermine liebt mich, weil sie glaubt mich zu kennen, weil sie meint alles über mich zu wissen.
Ginny liebt mich, weil ich Harry Potter bin. Weil ich berühmt bin. Weil ich ihr einmal das Leben gerettet habe.
Dumbledore liebt mich, genauso wie alle anderen, weil ich ihre stärkste Waffe im Kampf gegen die Dunkelheit bin.
Alle lieben mich, aber nur wegen meinem Namen und wegen den Dingen, für die ich stehe.
Mut.
Stärke.
Den Sieg. Den Sieg über die Dunkelheit.
Und Licht.
Die einzige Ausnahme ist Sirius.
Sirius liebt mich nicht nur wegen diesen Dingen, sondern auch, weil… Ja warum eigentlich? Liebt er überhaupt mich? Ist es nicht viel mehr mein Vater, den er in mir sieht? Den er liebt?
Wer liebt schon mich? Mich selbst? Vielleicht niemand…
Sicher meine Eltern, sie werden mich geliebt haben. Zumindest sagt man das. Aber wie soll ich es wissen? Wie soll ich mich daran erinnern?
Das einzige woran ich mich erinnere, sind die letzten Minuten, Sekunden ihres Lebens, die ich dank der Dementoren immer wieder erlebe.
Oh wie sie mich damals alle bedauert haben. Damals… Wie sie mich alle bemitleidet haben und doch konnte nicht einer von ihnen nur annähernd einschätzen, wie schrecklich es wirklich für mich war. Wie schrecklich es war, zu hören wie meine Eltern sich aus Liebe für mich opfern.
Damals, als ich nach Hogwarts kam, fühlte ich mich zum ersten Mal geliebt, geliebt und wichtig. Zum ersten Mal in meinem Leben.
Ich habe von den Dursleys nicht ein bisschen Liebe empfangen. Nicht ein bisschen. Ich habe mich abgemüht, ihnen alles Recht zu machen. Habe immer überall mein bestes gegeben, in der Hoffnung einmal dafür gelobt zu werden, einmal etwas Anerkennung, etwas Zuneigung zu bekommen. Doch je mehr ich mich anstrengte, desto mehr hassten sie mich.
Und ich?
Ich habe gehofft.
Ja, ich war glücklich als ich herkam. Glücklich, bis ich irgendwann erkannte, dass sie nicht mich lieben und nicht ich ihnen wichtig bin, sondern mein Name.
Und ich?
Ich habe gehofft, dass sie einmal mehr in mir sehen würden, als den Jungen der lebt, als ihren Retter.
Sie erwarten von mir, dass ich für sie Den-dessen-Namen-sie-sich-nicht-zu-nennen-trauen töte. Sie erwarten, dass ich für sie die Drecksarbeit erledige, damit sie ihr Leben in Ruhe und Frieden weiterleben können. Sie legen mir eine Bürde auf, die ich nicht zu tragen bereit bin.
Was wäre, wenn ich es nicht schaffen würde? Würden sie allein mir die Schuld gebeben? Die Schuld an jedem weiteren Toten? Wer würde ihr neuer Retter werden?
Was wäre, wenn ich bei dem Kampf zwar erfolgreich wäre, aber gleichzeitig auch sterben würde?
Es würde werden, wie es immer ist nach dem Tod einzelner ist. Kurze Zeit würden sie um mich trauern und dann so weiterleben, als wäre nichts geschehen. Vielleicht würden sie an dem Tag sogar einen Feiertag einführen. Der Tag an dem Voldemort endgültig besiegt wurde. Und ich würde mit der Zeit vergessen werden.
Was wäre, wenn ich den Kampf gewinnen und überleben würde?
Vermutlich würden sie mich feiern und bejubeln, mir einen Orden verleihen und dann irgendwann fallen lassen, weil ich dann keinen Wert mehr für sie besitze, weil ich dann alles getan habe, was sie von mir erwarteten.
Dunkelheit.
Unendliche Dunkelheit.
Wie die schwärzeste Nacht.
Ohne einen Lichtschimmer.
Ohne einen einzigen Stern.
Überall.
Über mir.
Unter mir.
Vor mir.
Hinter mir.
In mir.
Ich kann ihr nicht entkommen, denn ich selbst bin ein Teil von ihr.
Und dennoch halten sie mich alle für das Licht, für die Rettung. Die Rettung vor der Finsternis.
Ich halte es nicht länger aus. Nicht einen einzigen Tag, nicht eine einzige Stunde, Minute, Sekunde.
Ich wünschte nur, dass einmal jemand mich verstanden hätte, dass einmal jemand mich geliebt hätte, dass einmal jemand erkannt hätte, wer ich wirklich bin, dass einmal auch ich Licht gewesen wäre.
Doch umso mehr sie glauben mich zu kennen, desto fremder bin ich ihnen.
Umso mehr sie glauben mich zu verstehen, desto unverständlicher bin ich für sie.
Umso mehr sie glauben mich zu lieben, desto mehr hasse ich sie dafür, dass sie es nicht tun.
Umso mehr sie mich für das Licht halten, desto mehr sinke ich in die Dunkelheit.
Warum erkennt niemand meine Verzweiflung? Verzweiflung, weil die Last, die sie auf mich gebürdet haben, seit ich ein Jahr alt bin, mich erdrückt, mich zerstört.
Warum erkennt niemand meine Sehnsucht? Sehnsucht nach Liebe, Sehnsucht nach wenigstens einem Tag, an dem ich sein kann, wer ich wirklich bin, ein Tag, an dem mich nicht jeder anstarrt, bloß wegen einer Narbe auf meiner Stirn. Doch ich bin gefangen. Gefangen, wie ein Tier in einem Käfig. In dem Käfig der Berühmtheit. Berühmtheit die ich nicht wollte, nicht will.
Warum kann niemand jemals verstehen? Mich verstehen… Mich lieben…
Mich… Den berühmten Harry Potter…
Langsam trat Harry an den Abgrund und schaute nach oben, kein Stern war am wolkenlosen Nachthimmel zu sehen und doch wird es am nächsten Morgen heißen: Der Stern der Zaubererwelt ist gefallen…