Es regnet nicht auf Golgatha
Warum regnet es eigentlich nicht?
An einem solch schrecklichen Tag müsste doch der Himmel weinen.
Wolkenbrüche müssten sich auftun, Blitze durch die düstere Luft zucken, und
ein wütender Donner über die, ach so grausame Welt herziehen.
Nichts von alledem. Muss wohl dran liegen, dass du dem Himmel egal bist.
Solange auf dem Schafott noch nichts los ist, wandern meine Augen über die
Menge, neugierige, erwartungsvolle, gespannte Gesichter. Es ist eine
seltsame Stimmung, von Hass erfüllt, doch manchmal scheint sie mir fast
fröhlich zu sein, wie auf einer Party. Hab ich ernsthaft geglaubt, nur
Death Eaters würden auf Hinrichtungen Parties feiern?
Wie naiv muss ich da gewesen sein!
Aber natürlich, dies sind anständige Leute. Freiheit, Gleichheit und
Brüderlichkeit zwischen allen Magiern und Muggles. Es lebe das Gute im
Menschen, macht hoch die Tür, die Tor macht weit, für Freundschaft,
Mitgefühl und Nächstenliebe.
Und den Sandwichverkäufer da drüben lasst am besten auch noch mit durch,
man will ja schließlich seine Erfrischungen haben, während man die
Hinrichtung verfolgt. Schließlich stehen die meisten Zuschauer seit
mehreren Stunden hier, um sich ihren guten Platz zu sichern. Es geschieht
schließlich nicht alle Tage, dass ein hinterhältiger Verräter und Anhänger
des Dunklen Lords seiner gerechten Strafe zugeführt wird.
Ist aber doch irgendwie merkwürdig, dass der Meister so unerwartet das
Zeitliche segnete, nachdem du in seine Dienste getreten bist. Zufälle
gibt's - da kann man nur den Kopf schütteln.
Endlich ist mal was los, hier auf dem Schafott! Unser ehrenwerter Herr
Minister Fudge, der nicht ganz so ehrenwerte Sirius Black, und ein Junge,
den man vor wenigen Jahren noch für den Retter der Menschheit hielt. Wie
die Zeiten sich doch ändern können.
Es ist faszinierend zu beobachten, wie die Stimmung in der Menge umschlägt,
kaum dass sie dich erblickt haben. Ihre Arme und Beine werden unruhig, ihre
Gesichter verwandeln sich in verzerrte Grimassen, ihre Stimmen rufen,
pfeifen, schreien die ganze Wut, Ohnmächtigkeit und Verzweiflung heraus,
die sie angesichts deiner Verbrechen empfinden. Eine geballte Woge von Hass
rollt über Diagon Alley, dass einem fast der Atem stocken könnte.
Wenn man's nicht gewohnt ist. Im Gegensatz zu dir hab' ich nie an die
Menschen geglaubt. Sie sind hirnlose Tiere, ganz besonders dann, wenn sie
in Massen auftreten. Und für diese Tiere opferst du dein Leben. Toller
Plan.
Du nennst es Edelmut, ich nenn es Blödheit. Das ist eben der Unterschied
zwischen uns beiden.
Fudge muss den Sonorus Zauber anwenden, um sich im Lärm der Menge Gehör zu
verschaffen, und eine seiner schlauen Reden zu halten. Da steht er, der
weise Verfechter der Demokratie, der Bewahrer der Chancengleichheit von
Magier und Muggle, der Pilatus, der seine Hände in Unschuld wäscht. Nun
muss er nicht mehr zittern, und sich feige an Dumbledore's Rockzipfel
klammern. Nun kann ihm nichts mehr passieren.
Irgendwie hab' ich mir nicht gemerkt, was er sagt. Aber den Leuten scheint
es zu gefallen, denn sie jubeln ihm zu.
Ich bin mir allerdings nicht so sicher, ob sie das nicht auch getan hätten,
wenn er stattdessen die Aktienkurse von Gringott's verlesen hätte.
Ach so, er redet über deine Verbrechen. Um ehrlich zu sein, dass ist ein
Punkt, der mich noch immer stutzig macht. Wie hast du's geschafft, all
diese Morde vorzutäuschen? Das muss ja ein schönes Stück Arbeit gewesen
sein. Hast du Schweinegedärme in der Gegend rumgeworfen, oder mit ein paar
saftigen Memory Charms die Erinnerungen der "Überlebenden" gefälscht? Enten
im Daily Prophet? Ein Pseudo-Todesfluch, das wär' doch auch mal was Neues.
Und wo hast du die ganzen Leute versteckt, die du gekidnappt hast?
Schade, dass ich keine Gelegenheit mehr haben werde, dich zu fragen. Es
hätte mich wirklich interessiert.
Mein Blick wandert hinüber zu Black, er steht hinter Fudge und starrt
gedankenversunken ins Leere. Auch er scheint nicht ein Wort der schlauen
Rede mitzubekommen. Zusätzlich zu seinem Hass kann ich Enttäuschung
erkennen, die pure maßlose Enttäuschung. Jemand, der ihm einmal sehr nahe
stand, hat ihn verraten. Wer könnte das wohl gewesen sein?
Der gleiche Blick ist auch in anderen Gesichtern zu erkennen, einige
rothaarige Gestalten stehen an der linken Seite des hölzernen Podests.
Daneben kann ich Granger's buschigen Haarschopf erkennen, und ihre Hände,
zu Fäusten geballt.
Alle, die dich einst liebten, hassen dich jetzt aus tiefster Seele.
Ein geschickter Schachzug, gerade deine engsten Vertrauten von deinem
Verrat zu überzeugen. Der Dunkle Lord wär' dir sonst mit Sicherheit auf die
Schliche gekommen.
Und trotzdem, tut es dir nicht weh, dass sie so leichtgläubig sind? Man
hätte meinen müssen, sie kennen dich nach all den Jahren. Der tapfere und
heldenhafte Harry Potter, der sein ganzes Leben in den Dienst des Guten
stellte, soll plötzlich über Nacht ein Death Eater geworden sein? Niemals!
Ist denn keinem von ihnen aufgefallen, wie hirnrissig das Ganze ist?
Nein, keinem ist es aufgefallen, sonst wärst du jetzt nicht hier. Hätte
einer, ein einziger deiner Freunde auch nur den leisesten Verdacht
geschöpft, hätte er mit Zähnen und Klauen um dein Leben gekämpft. Das hast
du nun von deinen wunderbaren Freunden! Granger's Superhirn hat wohl ebenso
versagt, wie Dumbledore's taktisches Genie.
Ich hab dir immer gesagt, dass sie nichts taugen. Aber auf mich wolltest du
ja nicht hören. Du musstest dich ja unbedingt an diesen ganzen Blödsinn von
Freundschaft, Loyalität und Hilfsbereitschaft klammern. Und tust es noch!
Sonst wärst du erst recht nicht hier!
Hast du noch versucht, dich zu verteidigen? Ihnen zu erklären, was wirklich
geschehen ist? Oder war der Schmerz schon so groß, dass dir alles
gleichgültig war?
Deine Augen verraten es mir nicht.
Dein Blick ist ausdruckslos, als er über die Menge wandert, irgendwann
huscht ein kleines Lächeln über dein Gesicht, als ob du jemanden erkannt
hättest, der dir nahe steht. Es liegt eine tiefe Traurigkeit in diesem
Lächeln, und dennoch scheint es mir, als hättest du dich bereits von der
Kälte und Grausamkeit dieser Welt distanziert.
Setzt du deine Hoffnungen jetzt in eine bessere Welt als diese? Wie naiv
kann man eigentlich sein?
Fudge hat endlich ausgesülzt, und Black tritt vor. Eure Blicke treffen
sich, als er den Zauberstab hebt, nach wie vor liegt nichts als Hass und
Enttäuschung in seinen Augen, wobei jetzt die Enttäuschung zu überwiegen
scheint.
Seine Hand zittert nicht, als er den Stab auf dich richtet, genauso wenig
wie seine Stimme, als er die Worte spricht.
Wie anders dagegen deine Augen! Kein Hass, kein Vorwurf, keine Angst vor
dem, was kommen wird! Stattdessen Wärme, Güte, Verzeihen, und
möglicherweise eine Spur von Traurigkeit. Verdammt, mir wird schlecht von
soviel Edelmut! So schlecht, dass ich kotzen könnte!
Saint Potter, Beschützer aller Muggles und Mudbloods! Der heldenhafte
Ritter in strahlender Rüstung! Aber es hat dir nicht mehr genügt, ein Held
zu sein, nicht wahr? Du musstest auch noch den Messias spielen. Die
Menschheit, diese manipulierbare Masse ohne Hirn und Verstand von den
Mächten der Finsternis erlösen.
Um sich zum Dank dafür von ihr kreuzigen zu lassen. Hör doch, wie sie
jubeln! Sie haben Freude daran, dich sterben zu sehen, und du willst sie
retten? War es das wert Potter, war es das wirklich wert? Den ganzen
Schmerz, den du ertragen musstest? Den Hass derer, die du geliebt hast?
Willst du am dritten Tage auferstehen, und anschließend mit Glanz und
Gloria in den Himmel auffahren? Ist es das, was du willst?
Deine ganzen hirnrissigen Ideale haben dir den Tod gebracht, sonst nichts!
Warum nur, warum wolltest du nicht auf mich hören! Ich hab gewusst, dass es
so kommen würde, irgendwie hab ich's immer gewusst! Jetzt ist es zu
spät.... und jetzt ist es auch egal. Sinnlos...Jetzt ist alles...warum,
verdammt...warum?
Du hirnverbrannter Schwachkopf!
Wie kann dein Gesicht nur so friedlich sein? Opfer des Todesfluches haben
normalerweise weit aufgerissene Augen, und vor Angst verzerrte Gesichter,
als ob sie an der Furcht selbst gestorben wären. Ich weiß es, hab es
selbst gesehen, und niemals...niemals...
Du dagegen siehst aus, als würdest du schlafen. Deine Gesichtszüge sind
vollkommen entspannt, die Lider geschlossen, nur ein Hauch von Grün
schimmert unter den Wimpern. Du hast deinen Frieden mit der Welt gemacht,
wie auch immer dir das möglich war.
Deine Brille ist verrutscht. Da, wo du jetzt bist, wirst du sie wohl nicht
mehr brauchen.
Die Menge drängt sich nach vorne, um einen letzten Blick auf dich zu
erhaschen, bevor sie anfängt, sich zu zerstreuen. Die Party ist vorüber.
Der Sandwichverkäufer packt seine restlichen Brote ein, und trabt in
Richtung Knockturn Alley davon.
So long, Potter..
Es ist, als könnte ich mich selbst von außen sehen, ich stehe wie erstarrt,
und alles verschwimmt um mich herum. In meiner Erinnerung regnet es an
diesem Tag, denn meine Sicht ist verschwommen, und meine Wangen sind nass.
Auf Golgatha hat es auch geregnet, hast du das nicht gewusst? Es gab einen
richtigen Wolkenbruch mit zuckenden Blitzen und wütendem Donner, das volle
Programm.
Nicht einmal das warst du dem Himmel wert.
Feedback bitte an Yamato Ishida (Draco4@gmx.de).