Die Puppe
Da saß das kleine Mädchen, hockend vor seiner Tür. Die dunklen Haare fielen ihr ins Gesicht und sie hielt in ihren Händen
eine Puppe aus Porzellan. Als er näher an sie herantrat sah er, dass sie weinte. Leise rollten ihr die Tränen die rosigen
Wangen hinunter. "Warum weinst du?" fragte er. Das kleine Mädchen starrte ihn wortlos an, drehte sich aber dann wieder um
und weinte. "Kleine, warum weinst du?" Immer noch saß sie vor seiner Tür und weinte. Still, ohne sich auch nur zu regen.
Auch als er sich ihr näherte, bewegte sie sich nicht. "Wein nicht mehr, komm mit mir." Er legte seinen langen schwarzen
Umhang um sie, hob sie auf und trug sie ihn seine Kammer, sie wehrte sich nicht. In seiner Kammer legte er das Mädchen auf
eines der großen bequemen Sofas. Sie rollte sich, mit der Puppe fest im Arm, zusammen, als sei sie eine Katze.
Er ließ sie schlafen.
Am nächsten Morgen wurde er von einem Schrei geweckt. Das kleine Mädchen hatte geschrieen. Hastig rannte er zum Sofa. Dort
lag sie, mit weit aufgerissenen Augen. Als sie ihn sah, kam sie zu ihm und weinte in seinen Umhang. Er streichelte ihren
Kopf. "Kleines, willst du mir nicht sagen, was passiert ist?" fragte er. Und zum ersten Mal reagierte sie. Sie begann zu
sprechen. Erst langsam, schluchzend, dann wurde ihre Stimme fester, bis sie am Ende ihrer Geschichte angekommen war. Was sie
erzählte, war schrecklich. Sie war die Tochter von Muggeln. Ihr Haus wurde angegriffen und alle, außer ihr, wurden einer nach
dem anderen von dunklen Kreaturen umgebracht. Sie hatte man an einen Stuhl gebunden, verdammt dazu mit anzusehen, wie ihre 4
Brüder zu Tode gefoltert wurden. Ihre Eltern wurden von einem grünen Licht erschlagen. Dann kamen sie zu ihr, zogen ihr die
Kleidung aus und nahmen sie einer nach dem anderen. Es waren dreizehn. Dann hatten sie einen langen Stab auf sie gerichtet.
Und sie rannte, rannte aus Angst vor den Männern, rannte, vor Angst zu sterben und rannte aus Angst vor ihr selbst. Bis sie
nicht mehr konnte und genau vor seiner Tür zusammenbrach.
Er weinte. Jetzt weinten beide. Er weinte aus Mitleid und sie aus Schmerz, bis beide nicht mehr konnten und einschliefen.
Als er aufwachte, war es später Nachmittag. Vorsichtig, um das kleine Mädchen nicht zu wecken, stand er auf und ging zum
Kamin, in den er Flohpuder warf. "Albus“, rief er, so leise es ging und wartete. Nach einem Moment erschien das Gesicht
eines schon recht alten Zauberers, mit langem, weißem Bart. "Was gibt es, Severus?" fragte er. Anstatt zu antworten,
deutete Severus Snape hinter sich, zu dem Mädchen. "Oh, wer ist sie?" "Ich habe keine Ahnung, sie saß gestern Abend alleine
vor meiner Tür. Aber soweit sie erzählt, ist sie Muggel und ihre Familie ist von Todessern ermordet worden.", genauere Details ihrer Geschichte ließ er aus.
"Wir werden sie in ein Muggel-Waisenhaus geben müssen. Ich glaube nicht, dass sie hier bleiben kann. Ist das in Ordnung?"
Schweren Herzens stimmte Severus seinem Freund Albus zu. In Entscheidungen wie dieser war Albus Rat immer der Bessere
gewesen. Mit einem Lächeln verschwand Albus’ Kopf aus seinem Kamin.
Er wartete bis sie aufwachte um ihr Gedächtnis zu verändern. Dann brachte er sie ins Waisenhaus. Er saß an der Treppe mit
der Puppe fest im Arm, als die Erzieherin sie in das Innere ihres neuen Zuhauses führte. Er konnte sich nicht erinnern,
wann er sich als letztes so traurig gefühlt hatte.
Elf Jahre später half Hermione Granger, eine der besten Schülerinnen, die Hogwarts, Schule für Hexerei und Zauberei, je
gesehen hatte, ihrem Professor mit einem Zaubertrank. Um eine Zutat zu holen, musste sie in seine privaten Räume gehen.
Als sie sich von Snapes Vorratsschrank umdrehte, vielen ihre Augen auf eine Puppe.
Severus hörte ein Klirren aus seinen Räumen und rannte. "Verdammte Gryffindor, was hast du jetzt schon wieder..." Doch die
Worte blieben ihm im Hals stecken, als er sie sah, weinend, auf dem Fußboden, mit der Puppe fest im Arm.
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