Cutstory
So leise wie möglich betrat sie ihren Schlafsaal, ihre Mitbewohnerinnen schliefen schon.
Ohne eine Kerze anzuzünden, durchquerte sie den Raum um ihre Kleidung abzulegen.
Ein grauer Rock mit Bluse und Weste, eine rot-golden gestreifte Krawatte und eine Umhang wurden ordentlich auf einen Hocker neben ihrem Himmelbett gelegt.
Sie selbst wechselte das Badetuch, in das sie sich gehüllt hatte, gegen ein Nachthemd.
Mit einem leisen Seufzen ließ sie sich auf ihr Bett plumpsen.
Es war mal wieder ein harter Tag gewesen, der Unterricht, dem sie folgen musste ohne an ihn zu denken und die elendig langen Stunden, die sie an ihren Hausaufgaben saß und versuchte sich auf Planetenlaufbahnen, Runen und sonstige Magie zu konzentrieren.
Ständig hatte sie sich ermahnen müssen nicht abzuschweifen. Aber wie sollte sie das können? Immer wenn sie die Augen schloss, sah sie sein Gesicht.
Sein Lächeln, diese durchdringend braunen Augen und die Art wie er sprach… einfach alles an ihm schien sie zu verzaubern. Müde, aber im Wissen, dass sie wieder nicht sobald einschlafen würde, kroch sie unter die Decke.
Er ignorierte sie, oder tat er nur so? Auf jeden Fall liebte er sie nicht.
Und das war es, was sie so unglücklich machte, was sie jeden Abend nicht einschlafen ließ und was ihr den größten Schmerz bereitete. Langsam strich sie über die Wunden an ihrem Unterarm, leichte Erhebungen, ältere Narben.
Einerseits sehnte sie sich danach wieder das Messer zur Hand zu nehmen, doch andererseits schämte sie sich dafür. Doch es war das einzige, was gegen ihren innerlichen Schmerz tun konnte. Er wusste nicht einmal von ihrer Liebe, wie sollte er ihr sie dann lieben? Wahrscheinlich war sie eh selbst Schuld.
Oder hatte das Umfeld der beiden sie zu sehr geprägt, hatten ihm zu viele eingeredet, er könnte sie nicht lieben? Oder glaubte er immer noch, sie würde den berühmten Jungen lieben, den sie einmal so bewundert hatte. Vielleicht! Und manchmal, so glaubte sie, strafte er sie mit kalten Blicken für ihre Schwärmerei, als würde er nicht verstehen was sie damals empfunden hatte. Hatte er ihn nicht auch zuerst bewundert, für seine
Berühmtheit, für sein Talent beim Quidditch? Doch damals hatte sie Ron auch noch nicht so geliebt wie jetzt. Von Tag zu Tag starb ein kleines bisschen ihrer Hoffnung, mehr und mehr begann sie zu glauben, er würde sie niemals lieben, ihr niemals einen Kuss gewähren, sie nie glücklich sein lassen.
Ihre braunen Augen waren weit geöffnet, wie hypnotisiert starrte sie an den Baldachin ihres Himmelbettes, lies alles Revue passieren. Wie jeden Abend, und jeden Abend kam sie zu demselben Entschluss: Er würde, könnte, und wollte sie nicht lieben, egal was sie tat. Wieder entrann ihr ein Seufzen, sie drehte sich auf die Seite, jetzt ruhte ihr Blick auf dem Bild einer schlafenden Klassenkameradin. Wie ruhig die andere dalag, während sie sich quälte. Wenn sie doch auch nur so selig schlafen könnte. Sie wusste etwas was helfen würde, eine einfache Beruhigung. Einige Minuten überlegte sie, ob sie es wieder tun könnte, ob sie es verantworten konnte, sich selbst zu verletzen. Sie stand schließlich auf, nahm das Messer aus dem Nachttisch und ging zum Fenster.
Für ihn würde sie weiterhin nur wie eine Schwester sein.
Sie öffnete das Fenster, kalte Winterluft wehte ihr entgegen.
Ein Schnitt nur, oder zwei, höchstens drei.
Die Klinge durchschnitt mit sanfter Gewalt ihre Haut.
Ginny sah nicht, wie ihr Blut mehrere Meter in der Tiefe den Schnee mit dunklem Rot färbte, wie so oft zuvor.
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