Weihnachten. Früher ein bedeutsamer Tag, heute wie jeder andere auch. Weihnachten steht für Erlösung, für Rettung. Ich warte seit zehn Jahren auf wenigstens eines dieser Dinge.
An Weihnachten kommen immer wieder alte Erinnerungen auf, der Schmerz brennt sich noch tiefer in meine Seele.
Es war immer etwas ganz Besonderes für uns, da Lily und James an diesem Tag zusammen kamen und das natürlich ebenfalls gefeiert werden musste. Und das wurde es meistens auch, möglichst mit viel Alkohohl und vielen Leuten.
Ich erinnere mich an Schneeballschlachten, an Schlittenfahrten und an das laute Prasseln des großen Kamins im Wohnzimmer von Godric’s Hollow. An James, der sich in irgendeiner dunklen Ecke mit Lily küsste, an Peter, der in einem Sessel hockte und Bier trank. Und an sein Lächeln, wenn er einfach nur da saß, erst uns, später Harry beim Geschenke auspacken zusah.
Doch wo war ich inmitten dieses ganzen Trubels?
Irgendwo, wo ich ihn unbemerkt ansehen konnte. Mal saß ich auf der Fensterbank, sah scheinbar hinaus ins Schneetreiben, doch eigentlich hatte ich nur Augen für ihn. Und wenn sich unsere Blicke trafen und er mich so auf seine ganz eigene Art anlächelte, war mein Weihnachten gerettet. Dann habe ich einen Grund gehabt, im nächsten Jahr es wieder so zu halten, in der Hoffnung, dass er mich wieder anlächelte.
Und davor? Die vielen Weihnachtsfeiern in Hogwarts, wo wir beide eigentlich jedes Jahr unsere ganz persönliche Bescherung hatten. Das war so etwas wie ein Ritual zwischen uns. Ein Weihnachten, das wir, und nur wir, feierten und das immer der Hauptteil des Tages war.
Und bei dem ich jedes Jahr hoffte, es ihm diesmal sagen zu können und es dennoch nie über mich brachte. Irgendwie machte er alle meine Vorsätze mit einer beiläufigen Bemerkung, mit einem Blick, mit einem Wort zunichte und ich fühlte mich wieder so niedrig, es nicht wert zu sein, ihn lieben zu dürfen und von ihm geliebt zu werden.
Und heute? Heute ist Weihnachten nur kälter, schwerer zu ertragen als die anderen 364 Tage im Jahr. Manchmal frage ich mich, wie er es heute feiert. Ob er eine Familie hat oder Freunde, die bei ihm sind. Ich wünsche es ihm von ganzem Herzen, denn an Weihnachten sollte niemand einsam sein und allein feiern. So wie ich es seit zehn Jahren tue.
In manchen Jahren ist Weihnachten einfach an mir vorbei gegangen, ich wusste es nicht. Hier verändert sich nichts in den Wochen vor diesem Fest. Außer, dass es immer kälter wird, dass der Wind immer stärker durch die hauchdünnen Ritzen pfeift und dass die Stimmung noch gedrückter ist als sonst. Weil sich dann jeder unweigerlich erinnert, ob er es will oder nicht. Auch ich erinnere mich.
Doch meistens sind es schöne Erinnerungen und irgendwie helfen sie mir, diese Tage zu überstehen, wenn die schlimmen Erinnerungen kommen. Dass er mich für einen Mörder hält. Dass Peter frei herumläuft. Ich habe gehofft, dass er jetzt Lehrer in Hogwarts ist, dass er auf Harry aufpassen könnte.
Ein eisiger Luftwind streicht durch die Zellen und ich fröstle. Auch jetzt noch, zwölf Jahre später, sehe ich immer wieder dieses Lächeln vor mir, höre das Gelächter, das Knacken des Holzes im Kamin.
Ich hätte es ihm sagen sollen. Heute weiß ich das und doch frage ich mich, ob ich es tun würde, wenn er vor mir stehen würde. Ich weiß es nicht.
Schritte auf dem Gang, Klappen werden geöffnet, eine Schale voll übel riechenden Inhalts wird hinein geschoben.
Ich lächele bitter. Millionen von Menschen haben jetzt ein Festessen und wir, die Hochsicherheitsgefangenen, sollten wahrscheinlich noch froh sein, etwas vorgesetzt zu bekommen.
Weil wir es in ihren Augen nicht wert sind, ein angenehmes Weihnachtsfest zu haben. Wir sind Schwerverbrecher, keine Menschen, wir haben keine Gefühle mehr.
Ich spüre, wie die ganze angestaute Wut in mir hoch kommt und schleudere die Schale mit einem Krachen gegen die Wand. Der Inhalt spritzt durch die Zelle, verteilt sich an den Wänden, auf meinem Körper.
Und da weiß ich, dass ich noch Gefühle habe. Sehr tiefe sogar. Sie haben sich nie verändert und sind nie verschwunden. Sie waren immer da, in mir, und halfen mir, die Jahre zu überstehen.
Und sie werden mir hier heraus helfen. Und dann werde ich Remus meine Gefühle gestehen. Weil er es war, der mir diese Zeit leichter machte.
Ja, ich liebe Remus. Seit vierzehn Jahren liebe ich ihn und habe mich doch nie getraut, es ihm zu sagen.
Und nun beginnen diese Gefühle,
mich aufzufressen. Sie nähren mich nicht mehr, sie zerstören mich. Und ich
kann nichts dagegen tun!