Aus der Asche
Es war vorbei. Endlich war es vorbei. Ich hob den Kopf. Wie lange hatte ich
hier gelegen? Und warum hatte mich niemand bemerkt, und mitgenommen, oder
wenigstens getötet? Offensichtlich hatte man mich übersehen. Meine Glieder
waren kalt, steifgefroren. Meine dicke Robe war durchnässt, anscheinend
hatte es nachts geregnet. Meine Haare klebten an meinem Kopf. Quer über
meine linke Seite zog sich eine breite Wunde, die ich aber nicht mehr
spürte. Ansonsten war ich unverletzt.
Mühsam setzte ich mich auf. Strich mir mit klammen Fingern eine nasse, fast
schon steifgefrorene Haarsträhne aus dem Gesicht. Iritiert mustere ich
meine Umgebung. Erst entsetzt, dann nüchtern. Blinzeln hätte nichts genüzt.
Das hier war real. Leider.
Um mich herum erhob sich ein düsteres Ruinenfeld. Überall standen noch
halbeingestürzte Torbogen, lagen größere und kleine Gesteinsbrocken. Ich
selbst hatte zwischen zwar in einem seltsamen Winkel verkeilten Steinen
gelegen. Es waren keine normalen Steine. Es waren die Reste Hogwarts.
Das, was noch vom einstmals großen, und alles überragenden Schloss
übriggeblieben war. Viel war es nicht. Und das, was noch da war, war ein
Anblick, der schmerzte. Mein Zuhause, es war zusammengestürzt. In sich
selbst. Keiner hätte geglaubt, das es igendwann geschehen könnte. Dabei war
es doch eigentlich selbstverständlich gewesen, das Voldemort irgendwann die
letzte Bastion des Lichts angreifen würde. Hätte er gewußt, das er hier
unterliegt, er hätte es wahrscheinlich nicht gewagt. Aber er tat es, und er
verlor.
Das wir doch gewonnen hatten, das nicht Voldemort gewann, sondern wir, das
Licht - mit Hilfe des Jungen, der lebte - lebt er ? - erscheint mir
eigentlich wie ein Wunder. Ich selbst hätte nicht mehr damit gerechnet.
Aber wir haben gewonnen - und soviele sind für unsere Sache gestorben. Wer
lebt noch?
Langsam kroch die Kälte des Bodens, die ich bis jetzt nicht gespürt hatte,
in meinen Körper. Obwohl ich mich am liebsten wieder hingelegt hätte,
raffte ich mich auf. Stand vorsichtig auf, und hielt mich an einem der
beiden Felsen fest. Ich schwankte, aber ich blieb stehen. Als ich stand ,
konnte ich das Schlachfeld überblicken. Das, was ich sah, war ein Alptraum.
Überall lagen die Körper der Toten. Opfer und Täter, nebeinander. Schüler
und Death Eater, Auroren und Spione, Voldemort und irgendwo auch Albus. Es
tat weh, sie dort liegen zu sehen. Teilweise mit offenen Augen, Gesichter
verzogen, lautlose Schreie. Die Schmerzen, die Angst, der Hass - alles
stand ihnen ins Gesicht geschrieben.
Langsam, vorsichtig, wie ein alter Mann, stolperte ich vorwärts. Ich kam an
ihnen vorbei, skurile Figur im ersten Morgenlicht, schwarz, nass, und ich
sah sie alle liegen. Dort, wo sie gefallen waren. Dort, wo der Tod sie
geholt hatte, um es poetisch auszudrücken. Jetzt kann ich das. Damals
konnte ich es nicht.
Ich habe geweint, lautlos geweint, als ich ihnen allen noch einmal ins
Gesicht sah. Als ich die kleinsten Schüler, die Erst, die Zweiklässer sah,
die keine Chance gehabt hatten. Eine Schule anzugreifen, voller Kinder.
Warum sind sie, die unschuldigen, die wehrlosen, warum sind sie gestorben
und ich, mit Blut an meinen Händen, ich lebe noch. Ironie?
Ich hatte das Verlangen, ihnen die Augen zu schließen. Schlafen sollten
sie. Ruhig, ohne Kälte. Zugedeckt hätte ich sie gerne, mit Daunendecken.
Weich, weiß, sanft, warm.
Immer mehr sah ich, die ich kannte. Kollegen. Death Eater. Auroren,
ehemalige Schulkameraden, weit entferne Bekannte. Gryffindors neben
Slyhterins, Ravenclaws neben Huffelpuffs. Es gab keine Häuserrivalität
mehr. Es gab keine Häuser mehr.
Zwischen zwei Felsen lagen Granger und Weasly. Beide noch die Zauberstäbe
umklammert, Panik im Gesicht. Und endlich, am Ende des Schlachtfeldes, in
einem Krater aus Asche, lag Voldemort.
Müde rutschte ich den Krater hinunter. Sah meinem ehemaligen Meister noch
einmal in das Gesicht. Früher hatte ich mir immer vorgestellt, bei diesem
Augenblick Freiheit zu empfinden. Er würde mich niemals mehr rufen.
Nirgendwohin. Ich war frei. Ich bin frei?
Neben Voldemort lag Albus. Lächelnd. Er hat seine Kraft dem Potter Jungen
übertragen. Er ist für das Licht gestorben. Ich habe es gesehen, wie der
grelle Lichtblitz von beiden ausging, wie die Erschütterung mich an den
Torbogen schleuderte, der Todesschrei Voldemorts. Ich war dabei.
Albus sah kalt aus. Fror er? Das wollte ich nicht. Ich kniete nieder, nahm
meinen weiten Umhang ab und breitete ihn über ihm aus. Sanft schloße ich
seine Augen..es sah aus, als würde schlafen.
Hinter mir hörte ich ein Geräusch, das klackern von Steinen auf Steinen.
Wer ist da? Hier waren doch nur Tote.
Es war der Potter Junge. Der Junge, der überlebt hat. Er stand hinter mir.
Verletzt, aber lebend. Wie hatte er es geschafft, zu überleben? Seine Augen
waren starr, starrten mich an, wie tot. Als wäre ich ein Gespenst, ein
Geist, ein Relikt aus einer Zeit, die Vergangen ist. Sie ist Vergangen, ja.
Aber ich bin noch da. Ein Fossil, das nicht mehr hierher gehört. Und doch
bin ich noch da. Museumsreif.
Ich starrte ihn an, wohl nicht viel anders, als er mich. Seine Narbe auf
der Stirn blutete. Das Blut lief über sein Gesicht, langsam. Er schien es
nicht zu bermerken.
Ein weiteres Geräusch ließ mich herumfahren. Unter einem Stein regte sich
etwas. Der Stein wurde zur Seite gedrückt, dann kam ein graues Etwas
hervor. Es zirpte kläglich, schüttelte dann sein Gefieder und tapste
vorsichtig auf uns zu. Erst kurz vor mir erkannte ich, was es ist.
Es war Fawkes, der Phönix, der Albus gehörte . Er schüttelte sich, der
Staub, die Asche, fielen ab und seine roten Federn kamen zum Vorschein.
Direkt vor mir fiel er um. Armes Tier.
Ich bückte mich, hob den Vogel auf. Er dankt es mir, indem er ganz leise
sang. So leise, das man es nicht gehört hätte, wären mehr als zwei Menschen
dort gewesen. Aber nur zwei Menschen und viele Tote machen keine Geräusche,
und so hörte man den Vogel.
Wie hypnotisiert starrte der Junge den Vogel auf meinem Arm an. Dann schloß
er die Augen und ließ sich auf das Lied fallen.
Als Fawkes sein Lied beendet hatte, schlief der Vogel erschöpft ein.
Potter, der Junge, der immer noch lebte, öffnete wieder die Augen. Schaute
mich an, überrascht. Als würde er mich das erste mal sehen. Als würde er
sich wundern, das ausgerechnet ich überlebt habe, während seine ganzen
Freunde gestorben sind.
Es ist wieder stille über das Schlachtfeld gesunken. Schließlich atmet
Potter tief ein, nickt mir zu.
"Professor."
Die Stimme klingt leise, kratzig. Etwas zitternd.
"Mr. Potter."
Fawkes schüttelte sich, schüttelte den Rest Staub ab, und kuschelt sich an
mich. Inmitten des Schlachfeldes, inmitten des grauen Staubes, wirkten die
goldenen Feder wie pures Gold. Gold inmitten der Asche.
Feedback bitte an Fayet (dafayet@hotmail.com).