"Willkommen Dämmerung. Willkommen Dunkelheit.
Sei gegrüßt, tiefschwarze Nacht.
Nur in der Lichtlosigkeit ist es mir vergönnt,
Deine Seele sehen zu können."
[- ein einsamer Reisender, für den es kein Zurück mehr gab.]
Schattengeflüster
1. Kapitel - Dunkler Schmerz
"Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern.
Jeder ist allein."
[- Hermann Hesse]
Es war dunkel. Überall. Pure Dunkelheit. Nicht sichtbar, aber sie war da, das konnte er spüren. Sie durchdrang ihn, wie eiskaltes Wasser, verfolgte ihn wie einen schnellen, lästigen Schatten und zerrte ihn unaufhaltsam in die Richtung eines Abgrundes.
Tief, bodenlos, wo die Finsternis auf ihn wartete, verlockend und mit süßer Stimme, doch würde ihn, wenn er dort herunter fiel, weitaus Schlimmeres erwarten, als der Tod. Dessen war Harry Potter sich sicher. Zu sterben bedeutete das Ende allen Leidens, doch zu leben, den Schmerz des Verlustes in sich tragend, bedeutete der Seele einer Zerreißprobe zu unterziehen, die sie nicht standhalten würde. Zumindest dann nicht, wenn die Dunkelheit sich aufmachte, ihren Schleier über einen Verzweifelten zu werfen, der nicht mehr weiter wusste und sich die Schuld für den Tod seines Paten gab.
Harry stieß einen langen Atem aus. Er saß in der hinteren Ecke des Gemeinschaftsraumes der Gryffindor in einem Sessel am Fenster und starrte abwesend auf das Schachbrett auf dem kleinen, niedrigen Tisch aus Mahagoni zwischen ihm und seinem besten Freund Ron Weasley.
Das Feuer im Kamin warf in beruhigenden Rhythmen tanzende Reflektionen in Schwarz an die Wände. Doch auf ihn tat das Schattenspiel keine Wirkung der Ruhe, sondern erschien ihm eher ein Vorbote der Finsternis. Das sonst so wohltuende Stimmengewirr im Raum schwebte wie ein lauerndes Flüstern über ihn in der Luft. Und die Dunkelheit, die ihn umgab, lag nicht in der Atmosphäre, denn es war hell und die späte Nachmittagssonne durchflutete den Gemeinschaftsraum mit ihrer letzten Kraft, ehe sie dem Mond den Himmel überließ. Ja, hier schien alles normal und unbekümmert. Die düsteren Schatten, die Harry spürte, wie einen benebelten Dunst, waren tief in ihm drin.
Er zeigte es nicht nach außen hin, denn er weigerte sich nach wie vor darüber zu sprechen. Über Sirius. Über seinen Tod, den er nicht wahrhaben wollte, nicht akzeptieren konnte. Wie oft hatte er versucht, den Zweiwegspiegel zu benutzen, den sein Pate ihm geschenkt hatte. Er hatte ihn wieder reparieren können, doch Sirius war trotzdem nicht im Spiegel erschienen. Eine frustrierende Tatsache, die Harry in manch' schlaflosen Nächten jedoch nicht davon abhielt, es auszuprobieren, es zu versuchen, in der falschen Hoffnung, mit seinem Paten wieder sprechen zu können. Die Enttäuschung, die erfolgte, da nichts geschah, war groß und hinterließ immer wieder eine Leere in ihm.
Sobald er schlief, kamen ihm die Erinnerungen hoch, die so scharfkantig waren, dass sie in sein Herz schnitten. Er träumte von Sirius. Wie er durch den Schleier hinter dem Torbogen fiel und einfach nicht mehr wieder auftauchte.
´...Er sah, wie Sirius dem roten Lichtblitz von Bellatrix auswich; er lachte sie aus.
"Komm' schon, du kannst es doch besser", rief er und seine Stimme hallte in dem Gewölberaum wider.
Der zweite Lichtblitz traf ihn direkt auf die Brust.
Das Lachen auf seinem Gesicht war noch nicht ganz verschwunden, doch seine Augen weiteten sich vor Entsetzen.
Es schien, als hätte die Zeit ihren Atem angehalten, bis Sirius stürzte. Sein Körper schwang sich elegant, und dann stürzte er rücklings durch den zerschlissenen Schleier, der von dem Steinbogen herabhing. Der Vorhang flatterte einen Moment lang wie in einem steifen Luftzug und kam dann wieder zur Ruhe.
Bellatrix schrie triumphierend auf, doch er, Harry, dachte sich dabei nichts, erwartete er doch, dass Sirius jeden Augenblick wieder auftauchte.
Doch das tat er nicht und als Harry dorthin stürzen wollte, um ihn hervorzuziehen, hielt Remus ihn mit aller Kraft zurück.
"Du kannst nichts mehr tun, Harry - "
"Holt ihn, rettet ihn, er ist doch eben erst da durch!" Harry begriff nicht, warum niemand etwas tat; er war außer sich vor Wut.
"- es ist zu spät, Harry."
"Wir können ihn noch erreichen!" Harrys Gedanken waren das reinste Chaos und keiner erreichte seinen Verstand, als er sich verbissen und böse loszureißen versuchte.
Aber Remus ließ ihn nicht los. Er selbst klang merkwürdig verzerrt, eine Mischung aus Schock und erschreckende Tonlosigkeit. "Du kannst nichts mehr tun, Harry... nichts... er ist fort."
Während er es abstritt und immer wieder brüllte, dass Sirius nicht tot sei, sein Herz sich verkrampfte und vor lauter Panik zu zerreißen drohte, verschwamm die Szenerie im Traum vor seinen Augen und die traurige Stimme des perlweisschimmernden Geistes Nick drang hindurch.
"Er wird nicht zurückkommen."
"Wer?", hallte seine eigene Stimme durch den Traum, obwohl er nichts mehr erkennen konnte, außer schemenhafte Umrisse.
"Sirius Black. ... Er wird nicht zurückkommen. Er wird... weitergegangen sein."
Dann verschärfte sich seine Umgebung wieder und hörte er Bellatrix lachen und sah Lucius Malfoy hämisch grinsen. Voldemort erschien, kalt lächelnd und titulierte ihn als Mörder Sirius'. Der Gesicht seines Paten brannte sich in sein Gehirn ein, vorwurfsvoll und anklagend... ´
Meistens wachte Harry dann direkt auf, schweißgebadet, mit rasendem Herzen und außer sich vor Verzweiflung und Schock. ´Ich bin schuld. Ich bin schuld daran, ich allein!´, wisperte er immer wieder, die Augen geweitet und es dauerte immer eine ganze Weile, bis er sich halbwegs beruhigen konnte. Dann hinderte er sich daran, wieder einzuschlafen, da er sich fürchtete, noch einmal dasselbe zu träumen.
"Harry!", drang Rons ungeduldige Stimme an sein Ohr und er blinzelte.
"Hm?", machte er und sah seinen Freund an. Die Sonne schien direkt auf sein rotes Haar und ließ sie wie Feuer erscheinen.
"Du bist dran! Träumst du?" Ron musterte ihn mit aufmerksamen Blick. "Hey...", fuhr er fort, diesmal sanfter. "Ist alles okay mit dir?"
Wieder blinzelte Harry, diesmal erschrocken. "Natürlich!" Das Letzte, was er wollte, war ein Gespräch über seinen Schmerz zu führen. Rasch zwang er seine Konzentration auf das Schachspiel. Die schwarzen und weißen Figuren funkelten im Licht.
Er spürte Rons Blick immer noch auf sich ruhen und das machte ihn nervös. Mit einer fahrigen Bewegung machte er einen Zug mit seinem Springer, ohne darauf zu achten, ob es ihm etwas brachte.
Dann hörte er, wie Hermione neben ihm missbilligend mit der Zunge schnalzte. Harry schaute auf und merkte, wie auch sie ihn beobachtete.
"Was?", fuhr er sofort auf und sah beide gehetzt und abwechselnd an.
"Warum tust du das?", fragte Hermione, legte ihr Buch, welches sie las, beiseite und beugte sich über die Sessellehne vor, ohne ihren Blick von Harry zu lassen. In ihren braunen Augen lag ein Ausdruck der Sorge.
Harry sah schnell weg. "Warum tue ich was?", machte er einen auf ahnungslos und tat, als hätte er sein Interesse am Schachspiel plötzlich wiedergefunden.
"Dich zurückziehen", antwortete Hermione ruhig. "Warum redest du nicht mit uns?"
Harry erstarrte und fühlte sich in die Ecke gedrängt. Er wollte ihr Mitleid nicht. Er wollte nicht über etwas reden, was er nicht wahrhaben wollte und schon gar nicht wollte er mit welchen reden, die ihn ja doch nicht verstanden. "Mir ist noch gar nicht aufgefallen, dass ich nicht mit euch rede", sagte er also lässig und mit einem Anflug eines erzwungenen Grinsen auf den Lippen.
Er sah, wie Rons Blick sich verdüsterte und er mit einem Mal seine Faust auf den Tisch knallen ließ - direkt auf das Schachbrett. Es polterte mitsamt den Figuren zu Boden und Harry beobachtete ihren Fall, der ihm wie in Zeitlupe vorkam.
Er bekam nicht mit, wie Ron aufgestanden und über den kleinen Tisch gesprungen war. Was er aber merkte, war, wie dieser plötzlich vor ihm stand, sich zu ihm herunter beugte, ihn am Kragen packte und ihn grob in den Sessel drückte. "Verdammt, Harry, spiel' keine Spielchen mit uns!", zischte er aufgebracht, rot im Gesicht vor plötzlichem Zorn.
"Ron!", rief Hermione entsetzt, während Harry sich freizukämpfen versuchte. Er hielt Rons Handgelenke und versuchte, dessen Arme niederzudrücken, aber sein Freund dachte offensichtlich nicht im Entferntesten daran, sich loszureißen.
Stattdessen fing er auch noch an, Harry leicht zu schütteln. "Wir sehen dich Tag für Tag dahinvegetieren, du isst kaum etwas und nachts hast du Albträume -"
"Habe ich nicht", warf Harry erzürnt ein, aber Ron ignorierte ihn. Leichte Panik brach in ihm los. War es so offensichtlich, dass er litt? Er gab sich doch immer solche Mühe, sich nichts anmerken zu lassen!
"Und du spielst immer den Lockeren, versuchst, gute Laune zu erzwingen, damit wir auch ja nichts merken!" Ron stieß Harry noch einmal in den Sessel, ehe er ihn losließ und sich aufrichtete. Seine veilchenblauen Augen funkelten vor Wut.
"Ach ja?", zischte Harry nun, stand auf und ballte die Fäuste. Seine Panik verwandelte sich in Groll. Was erdreistete sich sein Freund eigentlich? Seine Arme hingen herab, aber er stand dicht vor Ron, der keinen Zentimeter wich.
"Und, geht es dich etwas an? Ich schätze, NEIN!" Harry war endgültig erbost, über Ron, über Hermione, über die ganze Welt; ihm war nicht bewusst, dass seine Seele für all' seine unterdrückten, eingeschlossenen Gefühle endlich ein Ventil gefunden hatte, um sie freizulassen.
"Was?" Ron sah ihn erst verdutzt, dann ärgerlich an. "Es geht mich nichts an? Ich bin dein Freund, Harry! Wenn es dir scheiße geht, dann geht es mich sehr wohl etwas an!"
"Jungs!", warf Hermione dazwischen, sprang auf, aber Harry sprach bereits.
"Kapierst du denn nicht, dass ich nicht darüber reden will? Kannst du mir die Ruhe nicht gönnen, die ich zu finden versuche? Ich habe es satt, dass sich jeder, ABER AUCH JEDER IN MEIN LEBEN EINMISCHT, NUR WEIL ICH ZU ETWAS AUSERWÄHLT WURDE, WAS ICH NIE WOLLTE!"
Es war still geworden im Gemeinschaftsraum, die drei Freunde hatten die volle Aufmerksamkeit der anderen, doch das bemerkte niemand von ihnen. Sie fixierten sich nur aufeinander, als gäbe es nichts anderes in diesem umherwirbelnden Wind aus Verzweiflung, Kummer und Sorge, wofür sich ihre Aufmerksamkeit lohnte.
Ron starrte ihn an, immer noch wütend, aber auch bedrückt. "Glaubst du etwa, wir finden es toll mit der Prophezeiung? Glaubst du etwa, wir wollen uns einmischen? Wir wollen nur helfen, Harry! Das tun Freunde! Sie helfen einander!"
"Wie, wenn ihr es ja doch nicht verstehen würdet? !", rief Harry aufgebracht und verzweifelt zugleich.
"Harry", begann Hermione beschwichtigend, doch ihre Stimme zitterte etwas, "du bist nicht der einzige, der mit dem Verlust zu kämpfen hat. Vielleicht mehr, als alle anderen, aber wir vermissen ihn auch." Sie legte ihre Hand auf seine Schulter.
Harry wirbelte zu ihr herum, die Augen erst groß, dann verengt. "Sei still!", presste er halb ohnmächtig vor Wut und Elend hervor.
Hermione presste ihre Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. Ihre Augen sahen direkt in seine und hatten einen verletzlichen Schimmer angenommen. "Wenn du in uns wirklich deine Freunde siehst, würdest du dich nicht vor uns verschließen, Harry", sagte sie leise. Bekümmert, mit einer aufrichtigen Ernsthaftigkeit. "Wir sind für dich da. Immer. Verstehst du?" Mit diesen Worten wandte sie sich ab und ging.
Harry sah ihr einen Augenblick lang nach, während das eben Gesagte auf seine Sinne einschlug, wie Peitschenhiebe. Gerade, weil es nicht böse gemeint war, tat es weh. Weil darin die Wahrheit der Freundschaft lag. Er drehte sich wieder zu Ron.
Dieser sah ihn still an. Etwas nervös scharte er mit den Füßen, das Gesicht nicht mehr rot, aber noch leicht erhitzt. "Tut mir leid, die Reaktion von vorhin", sagte er etwas verlegen. "Ich..."
"Schon gut, Ron", unterbrach Harry ihn sacht. Auch er hatte plötzlich ein schlechtes Gewissen. Er wusste doch, dass sie beide es nur gut meinten und sich wirklich um ihn sorgten. "Natürlich weiß ich, dass ihr für mich da seid. Und dass ihr... und dass ihr Sirius auch vermisst. Ich..." Er holte bewusst Luft, lenkte den Blick kurz aus dem Fenster, wo die Sonne leicht rötlich schimmerte und die Ländereien in ihr abendliches Licht eintauchte, ehe er es wieder wagte dem anderen Jungen in die Augen zu schauen. "... ich komme klar. Wirklich." Eindringlich sah er Ron an. Ein Sturm des Schmerzes entfachte sich in ihm, der rücksichtslos durch seinen Körper fegte, um hinauf zum Herz und noch weiter zur Seele zu gelangen. Harry musste seinen ganzen Willen aufbringen, um zu lächeln. "Vertraue mir einfach, okay?"
*
Draco hatte sich in einen leeren Klassenraum in den Verliesen Hogwarts eingesperrt und war fest entschlossen, einen Zaubertrank zu brauen. Sein Kessel stand vor ihm auf dem Tisch, neben ihm einige Zutaten, die er brauchte, und sein goldenes Gebräu brodelte auch schon bereits und stieß leichten, rötlichen Nebel in die Luft.
Er drehte den Trank fünf Mal im Uhrzeigersinn, ehe er eine Prise Mondsteinpulver dazu gab. Hoffentlich funktionierte der Trank. Es war ein Gift, welches er in den Rezepten im schwarzen Buch der Zaubertränke seines Vaters gefunden und vor der Inspektion der Gesetzeshüter des Zaubereiministeriums retten konnte.
Nachdem Lucius Malfoy verhaftet worden war, kamen im Sommer die Vollstrecker, um Malfoy Manor von Grund auf zu durchsuchen und Narcissa war gezwungen, sie einzulassen und die Sicherheitsflüche aufzuheben. Zum Glück wurde nur die Hälfte von dem gefunden, was sich wirklich innerhalb der schwarzen Gemäuern des Herrenhauses befand, aber das war schon ausreichend, um Dracos Vater zu mindestens zwanzig Jahren Haft zu verurteilen. Und wenn man dann noch auf die Sache vor den Ferien zurückkam, wo aufgedeckt wurde, dass Lucius ein Death Eater Voldemorts war, hatten die Richter ´lebenslänglich´ ausgesprochen.
Lebenslänglich.
Der Dampf des Zaubertrankes schlug ihm entgegen und brannte in seinen Augen.
Draco knirschte mit den Zähnen und ballte seine Hände zu Fäuste. Und alles nur wegen Potter. Diesem elenden Goldjungen aus Gryffindor, der es doch tatsächlich gewagt hatte, gegen seinen Vater bei der Verhandlung im Sommer auszusagen. Harry konnte froh sein, dass die Dementoren Azkaban verlassen haben und Lucius im Grunde ´nur´ in einer einsamen Zelle saß, klaren Verstandes, um abzuwarten, bis Anhänger des Dunklen Lords ihn befreiten, denn sonst hätte Draco seinen Zorn sicher nicht so gut unter Kontrolle gehabt, wie jetzt.
Welch' Schmach war es doch, als die Vollstrecker den materiellen Besitz Lucius' beschlagnahmten und nur die weise Vorhersehung Narcissas', die bei Gringotts schnell alles auf ihren Namen überschrieb, verhinderte, dass man ihnen Malfoy Manor wegnahm, und damit verbunden den endgültigen Untergang seiner Familie von der Klasse der Reichen hinab zu den Armen. Doch auch wenn sie immer noch reich waren, so wetzte der Tagesprophet über sie, die Malfoys, jene undurchsichtigen Verräter, die schon immer für Voldemort gearbeitet hatten und nichts anderes als Tod, Mord und Treubruch kannten. Sie wurden in der Öffentlichkeit beschimpft, ihr guter Ruf war dahin und alles, worauf Draco nun hoffen konnte, war, dass der Dunkle Lord die Herrschaft an sich riss und den Malfoys das wiedergab, was ihnen zugestand: eine machtvolle, starke und einflussreiche Position in Gesellschaft und Politik der magischen Welt, mit Fäden in den Händen, die sie aus dem Hintergrund lenkten.
Sein Hass loderte bei dem Gedanken schmerzhaft auf, derzeit in der Öffentlichkeit Außenseiter zu sein. Sogar in Hogwarts redete man über ihn. Nicht die Slytherins, denn so einige Eltern standen auf der Seite Voldemorts, wobei der Rest sich allein schon aus Prinzip zu ihnen stellte, da Slytherins nach außen hin niemals ihre Fehden Preis gaben, und sich stattdessen untereinander verschworen und Loyalität zeigten. Doch die anderen Häuser... diesmal wusste jeder, dass der Finstere Magier zurückgekehrt war und feierten seine Feinde als Helden und verachteten seine Freunde als Verstoßene. Der blonde Junge war es nicht gewöhnt, dass man mit dem Finger auf ihn zeigte und abfällig über ihn redete, so dass er es mitbekam. Aber das würde er sich nicht gefallen lassen. Draco war ein Malfoy. Reinblütig und reich und etwas besseres als alle anderen.
Eine kalte Hand griff nach Dracos Herz und tauchte es in tiefen Schnee ein. Es passte zu dem Raum im Kerker... die Wände kahl, feucht und trostlos, die Luft schwer und kühl, und die Atmosphäre dunkel. Es war still, nur das Kochen und Blubbern des Trankes hallte gegen die vier Wände wider.
Die goldene Flüssigkeit schimmerte leicht rötlich. Der Slytherin rührte wieder im Kessel, die Aufmerksamkeit zwar auf das Gemisch gerichtet, doch seine Gedanken benetzt von kalter, ruhiger Wut und unterdrückter Feindseligkeit. Sie alle galten Potter. Potter und seinen verabscheuungswürdigen Freunden. Denn die Aktion im Zug vor den Ferien hatte Draco durchaus nicht vergessen, als eine Handvoll Schüler ihn, Crabbe und Golye mit Flüchen überfallen hatten, nachdem sie Harry aufgelauert hatten.
Welch' Ironie des Schicksals, dass dieses Gift, welches er braute, und das Harry in die Richtung des Jenseits lenken würde, in den Farben des Hauses Gryffindors schillerte. Der Blonde lächelte kalt und berechnend. Edelmut und blinde, dumme Tapferkeit mochten in naiven Gesellschaften wie heute als erstrebenswert gelten, doch sie waren nichts weiter, als zwei Pfähle, welche die Seele in rücksichtslose Verdammnis stampfen werden. So würde auch Harry dafür einen Preis bezahlen und sich am Ende wünschen, nicht doch lieber listenreich und tückisch gehandelt zu haben, zwei Eigenschaften, die einen das Überleben sicherten und zur Quelle der Macht brachten.
Bald. Bald würde es soweit sein.
Draco übte sich in Geduld und arbeitete einfach nur daraufhin aus, diesen Zaubertrank zu bewerkstelligen, um ihn Harry irgendwie unterzujubeln, ihn in eines seiner Getränke zu mischen. Drei Tropfen des Gebräus reichten aus, um einen wahnsinnig werden zu lassen, aber so, dass es demjenigen bewusst war, um der seelischen Qual einen besseren Effekt zu geben. Fünf Tropfen genügten, um jemanden ins monatelange Koma zu versetzen, in dem der Verstand wusste, dass der Körper schlief, und nichts tun konnte, um zu erwachen, denn nur Zentaurenblut konnte ihn ins Reich der Wachen zurückholen. Und sieben Tropfen waren ausreichend, um einen Menschen zu töten, um ihn für ewig ans andere Ufer zu schicken.
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