„Die Frage ist nicht, ob ich dir verzeihen kann,
sondern ob du dir selbst verzeihen kannst.“
Ihm war unerträglich heiß. Der feste Stoff des Auroren-Umhangs klebte an seinem Körper, während er sich hektisch einen Weg durch das Dickicht kämpfte. Zweige peitschten in sein Gesicht und hinterließen blutige Striemen auf seinen Wangen. Sein keuchender Atem und das Geräusch der brechenden Äste unter seinen Füßen klangen unnatürlich laut in der Stille des Verbotenen Waldes.
Durch die dichten Baumkronen drang nur wenig Mondlicht. Er sah ohnehin nicht viel. Es schien schon eine Ewigkeit her zu sein, seit er seine Brille irgendwo im dichten Unterholz verloren hatte. Für einen Moment hatte ein Gefühl der vollkommenen Hilflosigkeit ihn überrollt und er war nahe dran gewesen, einfach aufzugeben. Doch dann hatte er in einem letzten Akt der Verzweifelung seine Panik niedergekämpft und war weiter gerannt.
Er wusste nicht, wohin er lief. Längst hatte er die Orientierung verloren. Er warf einen hastigen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, ob sie ihn immer noch verfolgten. Obwohl da nichts weiter war als verschwommene Schwärze, konnte er ihre Anwesenheit spüren. Sie waren da und sie holten auf. Langsam und unerbittlich.
Er widerstand der Versuchung, sich umzudrehen und ein paar Flüche mitten in diese scheußliche, alles verschlingende Dunkelheit zu schicken. Nur zu gut wusste er, dass es ihm nichts bringen würde. Vielleicht würde er mit viel Glück einen von ihnen treffen. Doch in erster Linie würde er ihnen mit dieser Aktion nur seinen Standort verraten. Er meinte leises Gelächter hören zu können, wie zur Bestätigung seines Gedankens. Doch er konnte nicht sagen, aus welcher Richtung es kam.
Während er seine Schritte ein weiteres Mal beschleunigte, kamen die angstvollen Gedanken an Ginny Weasley und Terry Boot wieder hoch, die er bis dahin erfolgreich aus seinem Kopf verdrängt hatte. Er betete inständig, dass die beiden anderen Auroren seines Teams, mit denen er auf diese Mission geschickt worden war, heil davon gekommen waren. Vielleicht würde es ihnen gelingen Hilfe zu holen, wenn er in die Hände der Todesser geriet. Ihm war fast klar, dass er es nicht mehr würde abwenden können. Nur noch herauszögern. Es war beinahe wie ein Spiel. Ein perfides Spiel, das sie mit ihm spielten, indem sie ihn durch den Verbotenen Wald jagten wie ein wildes Tier seine Beute.
Plötzlich stutzte er und kniff die Augen zusammen. Ein Licht schien durch das dichte Gebüsch zu schimmern und er spürte, wie sein Herz einen kleinen Hüpfer machte. Konnte das bereits der Waldrand sein? Vielleicht kam das Licht aus Hagrids Hütte?
Es waren nur noch ein paar Schritte. Ein Funken Hoffnung keimte in ihm auf. Würde er in wenigen Sekunden in Sicherheit sein? Oder war es…?
Er schaffte es nicht mehr, den Gedanken zu Ende zu führen. Ein Fluch traf ihn hart in den Rücken und warf ihn zu Boden. Er spürte den Aufprall nicht mehr.
* * * * *
Jeder Knochen im Leib tat ihm weh, als er wieder zu sich kam. Er saß auf dem Boden, mit dem Rücken an eine Wand gelehnt. Seine Hände waren gefesselt. Es roch nach Moder. Kalte Nässe schien in der Luft zu liegen, ging ihm durch Mark und Bein. Blinzelnd öffnete er die Augen und versuchte, seine Umgebung zu erkennen.
Der Raum, in dem er sich befand, war klein und wurde von dem schwachen Licht einer Laterne erleuchtet. Es dauerte einen Moment, bis er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte. Und noch einen, bis ihm schmerzhaft bewusst wurde, dass er wohl kaum in Hagrids Hütte gelandet war.
Offenbar war es eine alte Kapelle mitten im Verbotenen Wald, in die sie ihn geschleppt hatten. Doch nur der steinerne Altar schien sich noch nicht dem Zahn der Zeit gebeugt zu haben, der an ihm nagte. Alle anderen Teile der Einrichtung waren verwittert. Wasser tropfte leise plätschernd von den Wänden.
Seine Verfolger waren da. Zuerst nur eine undefinierbare, bedrohlich wirkende schwarze Masse, die langsam auf ihn zukam. Dann, ganz allmählich, begannen ihre Gesichter Konturen anzunehmen. Sie trugen keine Kapuzen. Er erkannte nur vier von ihnen.
Antonin Dolohow. Augustus Rookwood. Er hatte ihre Bilder nach ihrem Ausbruch aus Askaban vor acht Jahren oft genug in den Zeitungen gesehen. Ihre Züge schienen sich regelrecht in sein Gedächtnis eingebrannt zu haben.
Thomas Avery. Timothy Nott. Die Münder zu einem höhnischen Grinsen verzerrt. Die Gesichter fast maskenhaft.
„Diesmal ist uns ein ganz besonderer Fisch ins Netz gegangen“, bemerkte Avery zynisch und trat noch einen Schritt näher an ihn heran. „Herzlich Willkommen in der Hölle, Harry Potter.“
Es war nicht einfach, mit schmerzenden Gliedern und den auf dem Rücken gefesselten Händen aufzustehen. Erst beim zweiten Versuch gelang es. Sie hinderten ihn nicht daran. Sahen ihm nur schweigend zu, wie er sich abmühte. Er drückte sich zitternd an die Wand und sah an Avery vorbei zur Tür, wo ein weiterer Todesser soeben aufgetaucht war. Er war jünger als die anderen. Blonde, feuchte Strähnen klebten in seiner Stirn. Etwas in Harry zog sich zusammen. Er hielt dem starren, emotionslosen Blick der grauen Augen nur wenige Sekunden stand, dann drehte er den Kopf zur Seite. Er durfte sich nichts anmerken lassen. Er durfte Malfoy auf keinen Fall verraten.
Eigentlich hatte Harry nie daran gezweifelt, dass Draco Malfoy sich irgendwann Lord Voldemort anschließen würde. Seine Laufbahn als Todesser schien vorprogrammiert gewesen zu sein. Doch dann war der Tag gekommen, an dem Harrys Weltbild ein bisschen ins Wanken geraten war. Die Tatsache, dass der ehemalige Slytherin nach dem immer noch ungeklärten Tod seines Vaters die Seiten gewechselt hatte und nun als Spion für Dumbledore und den Orden des Phönix arbeitete, hatte ihn anfangs völlig aus der Bahn geworfen. Die Gründe für diese Entscheidung hatte er bis heute nicht erfahren. Malfoy redete nicht viel, wenn sie sich im Hauptquartier des Ordens trafen, was selten genug vorkam. Sie waren beide erwachsen geworden, und doch hatte sich zwischen ihnen seit ihrem Abschluss in Hogwarts nicht viel geändert. Die alte Feindschaft ließ sich nicht überwinden, ebenso wenig wie das Misstrauen, das zwischen ihnen herrschte. Harry hatte sich oft gefragt, warum Dumbledore so sicher war, dass man Malfoy wirklich vertrauen konnte. Denn dass der Direktor es tat, daran bestand kein Zweifel.
„Was habt ihr mit mir vor?“ Mit Mühe gelang es ihm, das Zittern aus seiner Stimme zu verbannen. Auf keinen Fall durfte er sie wissen lassen, dass sich seine Eingeweide mittlerweile vor Angst verkrampften. Er würde nicht um Gnade winseln, soviel war sicher.
„Was wir mit dir vorhaben?“ Rookwood grinste sadistisch. Sein abschätzender, leicht fiebrig wirkender Blick glitt an Harry herunter. „Wir werden uns rächen. Dafür, dass es dir und dem Orden immer wieder gelungen ist, die Pläne des Dunklen Lords zu durchkreuzen.“ Sein Lächeln entglitt. Hass funkelte in seinen Augen.
Harry betrachtete mit mühsam zur Schau getragener Ruhe Rookwoods abstoßendes, pockennarbiges Gesicht. Voldemort hatte einige Tage zuvor einmal mehr eine herbe Niederlage gegen Dumbledore und die Mitglieder des Ordens hinnehmen müssen. Schauplatz des Kampfes war der Verbotene Wald gewesen. Ginny, Terry und er waren dorthin zurück geschickt worden, um nach Spuren zu suchen. „Werdet ihr mich töten?“ Er wunderte sich selbst, mit welcher Gelassenheit er diese Frage über die Lippen brachte. Der Modergeruch in der Kapelle bereitete ihm Übelkeit.
„Dessen kannst du dir sicher sein“, warf Dolohow mit einer Stimme ein, in der dunkles Amüsement mitschwang. Seine Haut war so fahl wie die eines Toten. „Aber vorher hab ich noch an ganz andere Vergnügungen gedacht…“ Sein stinkender Atem streifte Harrys Gesicht, woraufhin dieser vor Ekel die Augen schloss. „Zieht ihn aus!“ befahl er barsch.
Harry hatte das Gefühl, als hätte ihm jemand in den Magen getreten. Dolohows Lächeln wirkte diabolisch und unverhüllte Gier lag in seinem Blick. Die anderen Todesser lachten leise. Entsetzen flutete ihn wie eine kalte Welle. Er konnte nichts dagegen tun.
* * * * *
Verdammt, verdammt! Seine Miene mochte vielleicht emotionslos wirken, aber in Dracos Innersten war alles in Aufruhr. Er zermaterte sich bereits seit Minuten das Hirn, aber ihm fiel einfach nichts ein, wie er Potter aus dieser unangenehmen Lage befreien konnte, ohne seine Tarnung aufzugeben, was wiederum den sicheren Tod bedeutet hätte. Warum hatte Fudge die drei jungen Auroren auch allein in den Verbotenen Wald geschickt? Dieser Mann war einfach die Inkompetenz in Person. Ein geschwächter Dunkler Lord machte die anderen Todesser nicht weniger gefährlich.
Er konnte die Angst in Potters Gesicht sehen, auch wenn dieser sich bemühte, sie zu verbergen. Dieses markante Gesicht, das ohne die Brille plötzlich so furchtbar verletzlich wirkte. Er spürte, wie sich so etwas wie Mitleid in ihm regte. Zugegeben, er hatte Potter manches Mal in seinem Leben die Pest an den Hals gewünscht. Aber eine Vergewaltigung durch mehrere Todesser, das wünschte er noch nicht mal seinem ärgsten Feind. Er erschauderte bei der Erinnerung an die Tatsache, dass sie nicht zimperlich mit ihren Opfern umgingen.
Während er noch fieberhaft überlegte, hatte Timothy Nott Potter kalt lächelnd mit einem lässigen Wink seines Zauberstabs seiner kompletten Kleidung beraubt. Draco blinzelte mehrmals. Er wollte eigentlich nicht hinsehen. Wollte Potter nicht noch zusätzlich demütigen. Doch er konnte seinen Blick einfach nicht von diesem atemberaubenden nackten Körper abwenden.
Zu seinen Schulzeiten war Potter vielleicht klein und schmächtig gewesen. Dem gut gebauten Mann, der nun vor ihm stand, konnte man das harte körperliche Training an der Auroren-Akademie förmlich ansehen. Durch die Kälte in der Kapelle hatten sich die feinen Härchen auf der Haut aufgerichtet. Draco befeuchtete die Lippen mit der Zunge. Er spürte das brennende Verlangen in sich aufsteigen, diese Haut zu berühren. Seine Finger kribbelten. Es brachte ihn fast um den Verstand. Er begehrte Harry. Hatte ihn schon immer begehrt. Erst dieser fantastische Anblick machte ihm klar, dass er die Tatsache nicht länger verleugnen konnte.
Potter hielt den Kopf gerade und ließ seine Gegner nicht eine Sekunde aus den Augen. Selbst in dieser Situation gelang es ihm, einen letzten Rest an Würde zu bewahren. Draco konnte nicht umhin, ihn dafür zu bewundern.
„Mehr habt ihr nicht zu bieten?“ Die Stimme des ehemaligen Gryffindors klang kühl und beherrscht. Scheinbar wollte er es ihnen nicht zu einfach machen. Wollte zeigen, dass er sich nicht so leicht brechen ließ.
Rookwood verzog amüsiert die Mundwinkel. „Das war nur der Anfang“, gluckste er. „Ab jetzt hast du die Wahl.“
„Welche Wahl?“ stieß er hervor.
Der Todesser mit dem pockennarbigen Gesicht trat ganz dicht an Potter heran und strich mit den Händen fast zärtlich über dessen nackte Brust. Harry zuckte zurück gegen die feuchte Wand. Seine Lippen bebten leicht, die Augen waren weit aufgerissen. Draco fühlte Zorn in sich aufsteigen, aber er ermahnte sich zur Ruhe. Er konnte im Moment rein gar nichts für Potter tun.
Rookwoods Augen blitzten vor Vergnügen. „Du darfst dir aussuchen, wer dich nehmen darf“, flüsterte er in sein Ohr. „Und die anderen werden dabei zuschauen.“
Draco konnte sehen, dass Potter noch eine Spur blasser wurde, als er ohnehin schon war. Er hatte leicht zu zittern begonnen. Doch noch immer hielt er sich bemerkenswert aufrecht. Er sah von einem zum anderen. Streifte Dracos Blick für eine Sekunde. Kein Laut drang über seine Lippen. Offenbar hatte ihm Rookwoods Äußerung die Sprache verschlagen.
„Entscheide dich schnell, mein Hübscher. Ansonsten werden wir dich nämlich reihum gehen lassen.“
Kaltes Gelächter erfüllte den kleinen Raum. Hallte von den steinernen Wänden wider. Draco konnte das Grauen in Harrys Augen aufflackern sehen und es tat ihm merkwürdigerweise fast körperlich weh. Die Sekunden dehnten sich in die Länge. Der Schwarzhaarige räusperte sich, doch seine Antwort war trotzdem nur ein leises Murmeln.
„Du musst schon deutlicher reden, sonst können wir dich nicht verstehen.“ Rookwood genoss die Situation sichtlich. Draco verfluchte ihn in Gedanken.
Harry schloss für einen Moment die Augen und atmete tief ein. „Ich entscheide mich für Malfoy“, sagte er laut und wandte den Blick ab. Seine Wangen brannten.
Leises Gemurmel erhob sich unter den Todessern. Rookwood lachte gehässig.
Draco war vor Schreck erstarrt. Sein Herz raste. Er fühlte sich, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Alles geriet ins Wanken. Die Gedanken wirbelten in seinem Kopf herum und ließen sich nicht anhalten. Er merkte kaum, dass die anderen Todesser ihn erwartungsvoll ansahen.
„Eine ausgezeichnete Wahl“, erklärte Dolohow grinsend. „Es wird langsam Zeit, dass der Junge auch mal ein paar… praktische Erfahrungen sammelt.“ Er klopfte ihm ermutigend auf die Schulter. Draco zuckte zusammen. „Sei bloß nicht zu sanft mit ihm!“ fügte er drohend hinzu.
Sein Mund fühlte sich trocken an, so als hätte er seit Tagen nichts mehr getrunken. Es gab keine Möglichkeit, dem hier zu entrinnen. Weder für ihn noch für Potter. Er schluckte mehrmals, als er sich aus dem Halbkreis der Todesser löste und mit zitternden Knien auf Harry zuging. Er bemühte sich, ihm nur ins Gesicht zu sehen. Harrys Blick flackerte panisch...