Freunde und Feinde -
Glassplitter (Teil 1)
1. Kapitel - Dunkelheit
Dies ist eine Geschichte von Macht und Größenwahn. Von Lüge und Verrat. Von falschen Freunden und ehrlichen Feinden. Eine Geschichte von ewigem Leben und furchtbarem Tod.
*
Wake me up.
Wake me up inside.
I can't wake up.
Wake me up inside.
Save me.
Call my name and save me from the dark.
Wake me up.
Bid my blood to run.
I can't wake up.
Before I come undone.
Save me.
Save me from the nothing I've become.
Der erste Abend in Hogwarts.
- Aus Dracos Sicht -
Dunkelheit. Immer nur Dunkelheit. Überall. Ich konnte sie spüren, ganz gleich wohin ich ging. Sie war mein ewiger Begleiter.
Ich war gerade auf dem Weg zur Großen Halle. Der erste Abend in Hogwarts, das letzte Jahr auf dieser verdammten Schule.
Fast schon sehnte ich mich nach Malfoy Manor zurück, dessen kalte Mauern niemals Licht hindurchließen. Selbst im Sommer nicht. Zurecht. Denn ich verabscheute das Licht. Niemals hatte ich versucht es zu finden oder zu erreichen, wozu, denn ich brauchte es nicht. Dunkelheit regiert mein Herz. Sie regiert, weil ich es so will. Demnach herrsche ich über die Dunkelheit. Über meine Dunkelheit.
Plötzlich rempelte mich jemand an und riss mich aus meinen Gedanken.
"Oh, entschuldige, ich - " Die Stimme verstummte.
Ich blickte verärgert in die smaragdgrünen großen Augen, in denen es feindlich gesinnt aufflackerte, als er mich erkannte.
"Malfoy." Hass lauerte in seiner Stimme.
Potter. Jener Junge, den ich lieber tot als lebendig sehen würde, aber die nüchternen Umstände der Realität verboten mir, meinen Wunschgedanken in die Tat umzusetzen. Schließlich war es Dumbledore gelungen, ein Spionagenetz aufzubauen, um so Voldemort etwas zu schwächen, Fudge zu kontrollieren und das sogenannte "Gute" der Zaubererwelt zu erhalten. Voldemort mochte ein brillanter Zauberer sein, Dumbledore war ihm bisher immer um einen Schritt voraus gewesen. Und Fugde mochte noch Vorsitzender des Zaubereiminsteriums sein, inoffiziell hörte alles auf Dumbledores Kommando. Aber für wie lange noch? Dennoch mochte es derzeit schlecht für mich aussehen, wenn ich den Todesfluch an Potter anwenden würde. Ganz davon abgesehen, dass auch Voldemort erzürnt wäre, wenn jemand Potter töten würde. Bedauerlich.
"Potter", entgegnete ich schleppend. Es war nur der Augenblick eines Herzschlages vergangen. Meine Stimme triefte vor Hohn. Wie immer waren seine beiden Freunde bei ihm.
"Mal wieder in Gesellschaft von Schlammblütern und armen Mugglefreunden, hm?" Nur kurz ließ ich meinen Blick über Weasley und Granger streifen, ehe ich wieder Potters Augen fand und sie fixierte. "Eine wirkliche Verschwendung für dich und deinesgleichen."
Potter hatte zunächst die Augenbrauen zu einem finsterem V zusammengezogen. Nun schaute er mich irritiert an. Weasley war rot geworden und ballte die Fäuste. Nur Granger blieb scheinbar gelassen.
"Verschwendung?", wiederholte Potter, ehe Weasley einen Schwall an Schimpfwörtern über mich ergehen lassen konnte. Verwirrung hatten sich in Potters Stimme geschlichen.
Ich nickte knapp. Tja, Potter, wenn du wüsstest. Ein Jammer, dass deine Eltern nicht lange genug überleben konnten, um dir etwas Interessantes zu erzählen, nicht wahr? Du könntest stolz sein. Stolz und erhaben. Aber wahrscheinlich würde die Wahrheit deinen Verstand in grausame kleine Splitter zerbarsten lassen, deren scharfe Spitzen tief in dein Herz schneiden, bis du daran verblutest. Und warum? Weil du ein Versager bist. Dir die falschen Freunde ausgesucht hast. Der dunklen Seite nicht ebenbürtig. Selbstverständlich sagte ich kein Wort davon. Stattdessen ließ ich mich zu einem kalten Lächeln herab und schaute Potter voller Verachtung an.
"Aber offensichtlich willst du ja geradezu auf der Verliererseite stehen." Mit Absicht hatte ich Zweideutigkeit aufkommen lassen. Damit wandte ich mich ab und betrat die Große Halle. Gefolgt von Crabbe und Goyle, und deren Enttäuschung darüber, ihre riesigen Fäuste nicht in die Gesichter von Potter und Weasley schlagen zu können, war ihnen deutlich abzulesen. Doch sie würden sicherlich noch Gelegenheiten dazu haben. Das siebte Schuljahr hatte ja noch nicht mal richtig angefangen.
* * * * *
- Aus Harrys Sicht -
Malfoy war schon verschwunden, ehe einer von uns etwas sagen konnte. Das machte er immer so. Er provozierte und ging, um auch ja das letzte Wort gehabt zu haben. Ich hasste ihn dafür.
"So ein Arschloch", motzte Ron neben mir. Ich konnte dem nur zustimmen.
Hermione winkte ab. "Lasst euch doch nicht von ihm herausfordern." Sie fuhr sich mit ihrer Hand durch ihre braunen Locken und verzog ihren Mund zu einem süßen Lächeln.
"Aber genau das wollen wir doch", entgegnete Ron. Ron war groß und schlaksig, größer als ich, ungefähr um einen halben Kopf. Er grinste sein verwegenes Grinsen. "Es macht Spaß, sich mit Malfoy zu prügeln."
Ich hörte nicht mehr länger hin. Nachdenklich sah ich Malfoy hinterher, während wir uns am Gryffindortisch niederließen. Sein silberblonder Haarschopf leuchtete inmitten der anderen Slytherins.
'Aber offensichtlich willst du ja geradezu auf der Verliererseite stehen', hallten mir Malfoys Worte in den Kopf. Höhnisch. Verächtlich. Spöttisch. Wie eh und je. Und doch war da ein Tonfall in seiner Stimme gewesen, der mich hatte aufhorchen lassen. Ein unausgesprochenes Angebot die Seiten zu wechseln. Er hatte mir seine vermeintliche Freundschaft schon zweimal angeboten. Einmal im Zug und einmal in Hogwarts vor einem Jahr. Natürlich hatte ich sie abgeschlagen. So wie ich es immer tun würde. Malfoy und das Wort "Freundschaft" in einem Satz zu nennen glich einem Paradoxon. Aber das letzte Angebot hatte er im selben Tonfall gesagt wie die Andeutung von vorhin. Deshalb hatte es mich stutzig gemacht.
"Potter", hatte er vor einem Jahr gesagt, in einem Tonfall, der mich hatte aufhorchen lassen, und mich mit undurchdringlichem Blick fixiert. "Noch besteht die Chance, die Seiten zu wechseln."
"Ich denk' ja nicht mal dran", hatte ich böse geantwortet. Malfoy schien mit nichts anderem gerechnet zu haben, denn er hatte eine höhnische Grimasse gezogen.
Deswegen nahm ich an, dass auch vorhin eine versteckte Andeutung eines Angebots in seiner Provokation gelegen hatte. Derselbe Tonfall. Höhnisch zwar, aber irgendwie... wissend. Überhaupt maß Malfoy mich manchmal mit... wissenden Blicken. Darin lag zwar die aufblitzende Gefahr, die mir klar machte, dass er mich wohl genauso hasste wie ich ihn, aber es hatte mich dennoch irritiert. Es war mir ebenfalls seit einem Jahr aufgefallen. Seit dem Beginn des sechsten Schuljahres, seit er mir zum zweiten Mal seine vermeintliche Freundschaft angeboten hatte. Ich hatte Ron und Hermione davon erzählt, die es sofort als Hirngespinst abgetan hatten. Aber sie hatten Malfoy beobachtet und feststellen müssen, dass ich mit meiner Behauptung nicht ganz Unrecht hatte.
Natürlich hatte Malfoy mich schon immer gehasst, aber nun lauerte etwas in seinen Augen, was nahezu alle Grenzen sprengte. Es war selten zu sehen. Malfoy wusste, wie er seine Gefühle verstecken konnte und er beherrschte die Ausdruckslosigkeit fast schon perfekt. Aber ab und an loderte es in seinen grauen Augen auf. Etwas Wissendes, gepaart mit Unverständnis, Unglaube, Hass und unbändiger Finsternis.
Ich war also auf der Hut. Mir gefielen diese Blicke nicht. Was wusste Malfoy, was ich nicht wusste? Betraf es mich? Und wann würde er sein Wissen gegen mich ausspielen? Dass Malfoy das tun würde, war klar. Er glich einer Zeitbombe, die unaufhörlich tickte. Oft hatte Hermione sich selbst, Ron und mir versucht einzureden, dass wir uns das alles nur einbildeten, aber das intuitive Gefühl des Gegenteils blieb. Aber warum konnte er mich nicht einfach in Ruhe lassen? Mochte er doch in seiner dunklen Welt ausharren und mich in der meinen leben lassen. Aber natürlich würde er es niemals tun. Malfoy tat das, was ihm Vorteile einbringen konnte und ich konnte weder meinen Namen ablegen noch meine Vergangenheit ändern. Ich würde immer Harry Potter bleiben, der gehasste Junge der Death Eater und Voldemorts. Für etwas, was ich getan haben soll, obgleich ich noch ein Baby gewesen war.
Ich seufzte. Nein, Malfoy würde niemals Ruhe geben. Ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er immer die Schwächen der anderen gegen sie und für sich nutzte. Das machte ihn zum Arschloch.
* * * * *
- Aus Dracos Sicht -
Ich brauchte Potter nicht zu sehen, um zu wissen, dass er mich beobachtete. Mir war bewusst, dass es ihm schon längst aufgefallen war, dass ich irgendetwas über ihn zu wissen schien. Ich hatte mich darüber geärgert, als ich meine Unaufmerksamkeit festgestellt hatte. Aber im nachhinein fand ich es gar nicht mehr so schlimm. Sollte Potter doch ruhig ahnen, dass ich etwas wusste. Sollte es ihn doch ruhig quälen und ihm schlaflose Nächte bereiten.
Ich war zwar gemein und fies wie immer und ich wusste, dass ich meine Ausdruckslosigkeit perfekt beherrschte, aber offensichtlich verriet mein Ausdruck in meinen Augen manchmal, was ich zu denken, zu fühlen schien. Nun denn, möge es so sein, Hauptsache, Potter würde sich daran zerfressen.
Ich hasste ihn. Ich verachtete ihn. Potter, jener berühmte Junge, dem heldenhafte Taten zugeschrieben wurden, die er nicht aus genialen Fähigkeiten begangen hatte, sondern durch die sogenannte Liebe seiner Mutter, als er ein Baby war. Und obgleich Potter elterliche Zuneigung nicht kannte, schien er zu wissen, was es war. Er hätte sie haben können, wenn seine Eltern gelebt hätten, und das wusste er. Ich hasste ihn dafür, dass er glücklich in Gryffindor zu sein schien, obgleich er sicherlich die Chance auf unserer Seite hätte haben können. Ich verachtete ihn für seinen Leichtsinn, Dunkelheit abzuschwören, obwohl er sie nicht kannte. Potter kannte nur Licht. Er musste eine dunkle Seite haben, er musste es einfach, aber er schien sie nicht zu erahnen.
Aber er würde die dunkle Seite noch früh genug kennen lernen. Er würde der Wahrheit nicht entfliehen können und wenn ihm schon niemand die Wahrheit zu erzählen gedachte, würde ich es tun.
Ich lehnte mich zufrieden lächelnd zurück und warf Potter einen verstohlenen Blick zu.
Ja, Potter, nur ein Satz von mir wäre in der Lage, deine heile Welt zu zerstören. Deine scheinheilige Welt, in der du so glücklich zu sein scheinst. Es ist ein schönes Gefühl, zu wissen, dass man Macht über andere besitzt. In diesem Fall besitze ich Macht über dich. Wann immer ich will, kann ich deine Welt zerstören, indem ich dir die Wahrheit über dich erzähle. O ja, ich weiß genau, dass dich das beschäftigen, dass es dich leiden lassen wird.
Ich kannte diese Wahrheit nun schon etwa ein Jahr, aber ich habe mich in Geduld geübt. Ich wollte die richtige Zeit abwarten, damit es dich auch so richtig schmerzhaft treffen wird. Und nun, wo Voldemort zum Gegenschlag ausholen will, auch wenn er von Dumbledore geschwächt wurde, und vielleicht ein ebenbürtiger Kampf zwischen dem sogenannten Bösen und dem vermeintlichen Guten entstehen wird, werde ich es dir erzählen.
Ja, ich werde es dir erzählen, auf dass du in ewiger Dunkelheit leiden mögest, Potter.
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